Zur Geschichte der Psychoanalyse

Von der Entstehung der Psychoanalyse bis zu Freuds Tod - Teil 1

Termine: jeweils Dienstag, 20.15 bis 22.00 Uhr
07.11.2017, 05.12.2017, 09.01.2018, 06.03.2018
Teilnahmegebühr: € 168.-
Anmeldung bis 24.10.2017: Anmeldeformular

„Man versteht die Psychoanalyse immer noch am besten, wenn man ihre Entstehung und Entwicklung verfolgt“ (Freud 1923).
Dieser Satz von Freud dient uns als Motto für eine neue Vortragsreihe, die wir an der Wiener Psychoanalytische Akademie beginnen wollen.
Das unmittelbare Ziel ist dabei, grundlegendes Wissen für (werdende) Psychoanalytiker_innen, (werdende) psychoanalytisch orientierte Psychotherapeut_innen und alle Interessierten aus anderen Denktraditionen anzubieten.

Im ersten Semester wollen wir uns auf die Zeit bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs konzentrieren.
Es sollen
- die ideengeschichtlichen Wurzeln der Psychoanalyse im Zusammenhang mit Freuds
  wissenschaftlicher Entwicklung ausgegraben,
- die ersten Mitarbeiter und Organisationsformen der damals ganz jungen Wissenschaft
  aufgespürt,
- die beginnenden internationalen Verbindungen und Strukturen durchleuchtet und
- die Entstehung und Institutionalisierung der psychoanalytischen Ausbildung erkundet
  werden.

Während diese Reihe von Einführungs- und Überblicksvorträgen im Sommersemester fortgesetzt werden soll, geht es auch darum, allen Interessierten eine wissenschaftliche Vertiefung in speziellere Fragen der Psychoanalysegeschichte zu ermöglichen. In vielen Bereichen dieser Geschichte, auch in jener unserer Wiener Vereine und Einrichtungen, gibt es noch beträchtlichen Forschungsbedarf. Als weitergehendes Ziel dieser Vortragsreihe betrachten wir daher auch die Bildung einer historisch orientierten Forschungsgruppe, die Dokumente der Psychoanalysegeschichte aufarbeitet und relevante Ergebnisse für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich macht.

7. November 2017
Sabine Schlüter
Entstehung und Entwicklung der Psychoanalyse bis zur Gründung der Mittwochgesellschaft 1902
Unter den Wissenschaften nimmt die Psychoanalyse aus mehreren Gründen eine Sonderstellung ein. Einer dieser Gründe besteht in der überragenden Bedeutung der Person Sigmund Freuds für die Psychoanalyse, die in ihren Anfängen tatsächlich ursprünglich die Freud’sche Theorie war. Nicht ohne Berechtigung also orientiert sich die Darstellung der frühen Geschichte der Psychoanalyse stark an der Biografie Sigmund Freuds. Doch Freuds persönliche Entwicklung ebenso wie seine Forschungen fanden nicht nur in einer konkreten historischen Situation statt, sondern unterlagen auch mannigfaltigen ideengeschichtlichen Einflüssen. Überdies wurden sie vom sich entwickelnden aufgeklärten, materialistischen Wissenschaftsverständnis seiner Zeit geprägt, während andererseits gleichzeitig die Wahrnehmung der psychischen Kräfte in den Vordergrund rückte. Die Literaten und Philosophen von der Früh- bis zur Spätromantik – allen voran Schleiermacher, Schelling, Jean Paul und Goethe bis hin zu Schopenhauer und Nietzsche – thematisierten das Unbewusste und die Triebhaftigkeit des Menschen. Unerklärliche Phänomene wurden schließlich auch Gegenstand der Forschung, die in der Überzeugung betrieben wurde, dass in der Welt rationale, materielle Kräfte am Werk wären, die über weite Strecken jedoch noch unerkannt seien.Dieser Vortrag, der ein Verständnis der Geschichte der Psychoanalyse vorbereiten will, möchte über die Freud-Biografik hinaus einige historische, wissenschafts- und ideengeschichtliche Zusammenhänge herausgreifen, die dazu beitrugen, der Psychoanalyse ihr ureigenes Gepräge zu geben.

5. Dezember 2017
Thomas Aichorn
Die Entwicklung der Mittwochgesellschaft und der WPV von 1902-1938
Nachdem Freuds Versuch gescheitert war, sich mit seinen neuen Erkenntnissen die Anerkennung der Wiener Ärzteschaft zu verschaffen, fand er sich in einer weitgehenden Isolation. Ein erster Schüler, Felix Gattel, kam 1897 aus Berlin. Er und Emma Eckstein waren die ersten Schüler Freuds. Eine erste Gruppe von Schülern versammelte Freud ab 1902 in der sogenannten „Mittwochsgesellschaft“ um sich. Am 15. April 1908 nahm die Mittwoch-Gesellschaft den Namen Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) an. Seither gilt der 15. April als das Geburtsdatum der WPV. Einige der späteren Mitglieder der Vereinigung hatten Freuds Vorlesungen an der Universität besucht, andere hatten sich an dem von Otto Fenichel 1919 begründeten „Seminar für Sexuologie Wien“ beteiligt. 1922 wurde das Ambulatorium der WPV eröffnet, das nach dem Berliner Vorbild der kostenlosen Behandlung und der Ausbildung dienen sollte. 1924/25 wurde – unter der Leitung von Helen Deutsch – ein von der Leitung des Ambulatoriums unabhängiges Lehrinstitut eröffnet. Konnte man bis dahin durch ein längeres Hospitieren und einen Probevortrag Mitglied der WPV werden, war nun die Absolvierung der Ausbildung zur obligatorischen Voraussetzung geworden, Mitglied der WPV werden zu können. 1932 wurde zusätzlich zur Ausbildung zum Psychoanalytiker eine Ausbildung in psychoanalytischer Pädagogik und Sozialarbeit eingeführt. Als Freud wegen seiner Erkrankung die Sitzungen der Vereinigung nicht mehr besuchen konnte, fanden in seiner Wohnung in der Berggasse 19 kleinere Zusammenkünfte statt, in der Fragen der psychoanalytischen Theorie und Praxis besprochen wurden. Als ab 1933 das Berliner Psychoanalytische Institut auf Grund der Flucht seiner jüdischen Mitglieder seine Bedeutung verloren hatte und einige von ihnen nach Wien gekommen waren, war Wien erneut zum Zentrum der Psychoanalyse in Mitteleuropa geworden. 1936 wurde Freuds 80. Geburtstag gefeiert. Erst in diesem Jahr konnte die WPV in der Berggasse 7 in ein eigenes Vereinslokal einziehen.

9. Jänner 2018
Fritz Lackinger
Vorgeschichte, Gründung und Entwicklung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 1907-1938
1907 kam Freud in Kontakt mit Eugen Bleuler und Carl Gustav Jung und sie erschienen ihm als Hoffnungsträger für die Psychoanalyse, doch 5 Jahre später erwies sich v.a. Jung als große Enttäuschung. Untersucht werden die Gründe für den Bruch zwischen Freud und Jung, aber auch die anderen Konflikte in der jungen psychoanalytischen Gemeinde, z.B. die Spannungen zwischen den gesellschaftskritischen Sexualreformern und den akademisch situierten Klinikern. Neben Wien erwiesen sich Budapest und Berlin als neue Zentren im Aufschwung. Ferenczis Orientierung auf nicht-ärztliche Geisteswissenschaftler geriet schon früh in Konflikt mit Abrahams Orientierung auf Ärzte und v.a. Psychiater. Der Bruch mit Adler und Jung führte zur Gründung des sogenannten „geheimen Komitees“, das die Psychoanalyse vor der Anpassung retten sollte. Was waren seine Meriten, was seine unbeabsichtigten negativen Folgen? Welche Rolle spielten die Konflikte in der britischen Gesellschaft und die prominenter werdende Rolle Melanie Kleins? Die Frage der Laienanalyse brachte ein zunehmendes Zerwürfnis mit den Psychoanalytikern in den USA. Zur größten Belastungsprobe für die IPA wurde aber ab 1934 der Ausschluss und die Emigration der jüdischen DPG-Mitglieder nach Hitlers Machtergreifung. Was sind die Lehren aus dieser Tragödie?

6. März 2018
Christine Diercks
Zu Entwicklung und Bedeutung der psychoanalytischen Ausbildung
Ab 1902 bildete sich um Freud ein Kreis von Schülern. 1908 entstand daraus die Wiener Psychoanalytische Vereinigung, in die man über Empfehlung nach einem Vortrag aufgenommen wurde. Ihre Mitglieder teilten das Interesse an den Entdeckungen Freuds, sie kamen aus unterschiedlichen Berufsgruppen, keineswegs alle wandten die Psychoanalyse auch klinisch an. In Zürich trat Bleuler 1910 der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung / IPV nicht bei, weil Wissenschaft für ihn keine Angelegenheit eines privaten Vereines, sondern die einer öffentlichen Universität war. Erst seit 1925 ist die Mitgliedschaft an den Abschluss der klinischen Ausbildung in Psychoanalyse geknüpft, die nach international verbindlichen IPV-Standards erfolgt. In den USA wurden von den psychoanalytischen Gesellschaften lange nur Ärzte zugelassen, Freud kämpfte um die Laienanalyse, in einigen Ländern steht die Ausbildung auch heute nur ÄrztInnen und PsychologInnen offen. Lokale Besonderheiten, ökonomische Zwänge, gesetzliche und sozialpolitische Regelungen aber auch neue Ausbildungsangebote etwa in psychoanalytisch orientierter Psychotherapie / POP sind Themen der aktuellen Auseinandersetzung um international verbindliche psychoanalytische Ausbildungsstandards.