Grundlagen der psychoanalytischen Kultur- und Gesellschaftstheorie

Projektleitung: Fritz Lackinger

Termine: 6 Seminarblöcke mit je 4 AE (jeweils Fr. 16 - 19.30 Uhr)
16. Mär., 23. Mär., 13. Apr., 27. Apr., 25. Mai, 8. Jun. 2018

Ort: Wiener Psychoanalytische Akademie, Salzgries 16/3, 1010 Wien
Teilnahmegebühren: € 312.-
Anmeldung bis 23.02.2018: Anmeldeformular

1. Block:  16. März 2018
Soziale und Psychische Realität. Zur Struktur einfacher Gesellschaften
Seminarleiter: Johann Schülein

In dieser Einheit werden hauptsächlich zwei Themen behandelt:
- Soziale und psychische Realität
- Funktionsweise einfacher Gesellschaften/Psychoanalytische Aspekte der Untersuchung einfacher Gesellschaften
Im ersten Teil geht es um die Frage, wie die generelle Beziehung zwischen sozialen und psychischen Prozessen aussieht. Die Psyche agiert nicht nur in einem sozialen Milieu, sie ist sowohl genetisch als auch situativ darauf angewiesen und wird davon bestimmt. Umgekehrt gibt es keine soziale Realität ohne Akteure, die sie realisieren. Der Austausch zwischen psychischer und sozialer Realität ist jedoch komplex und problembelastet, so dass es notwendig ist, Funktionsweise und Risiken der Interferenz zu verstehen.
Im zweiten Teil geht es um das Verhältnis von sozialer und psychischer Realität in einfachen Gesellschaften, in denen die Psyche der Akteure und die soziale Struktur strikt gekoppelt sind. Die Studien von Erikson über zwei amerikanische Indianerstämme und die von Parin et al über die „Dogon“ demonstrieren die für einfache Gesellschaften typische psychodynamische Funktionsweise und zeigen zugleich deren Varianz.

Hintergrundliteratur:
Erikson, Erik H. (1970): Kindheit und Gesellschaft. Stuttgart: Klett-Cotta 2005.
Haubl, Rolf/Schülein, Johann August (2016): Psychoanalyse und Gesellschaftswissenschaften. Stuttgart: Kohlhammer.
Parin, Paul/Morgenthaler, Fritz/Parin Matthèy, Goldy (1963): Die Weißen denken zuviel. Psychoanalytische Untersuchungen in Westafrika. Hamburg: EVA 1993.
Schülein, Johann August (2016): Soziologie und Psychoanalyse, Wiesbaden: Springer.

2. Block: 23. März 2018
Moderne/dynamische Gesellschaften
Seminarleiter: Johann Schülein


Hauptthema dieser Einheit ist die Frage, wie psychische und soziale Realität in modernen bzw. dynamischen Gesellschaften aussieht. Dazu werden zunächst einige allgemeine Merkmale solcher Gesellschaften untersucht. Danach wird näher diskutiert, wie diese Merkmale mit Hilfe psychoanalytischer Sozialpsychologie untersucht werden und wie sich die „Zeitdiagnosen“ entwickelt haben.

Hintergrundliteratur:
Lasch, Christopher (1979): Das Zeitalter des Narzissmus, München: Bertelsmann 1980.
Mitscherlich, Alexander (1963): Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. Weinheim-Basel-Berlin: Beltz 2003.
Sennett, Richard Der flexible Mensch. Berlin: Berlin-Verlag 1998.
Ehrenberg, Alain (1998): Das erschöpfte Selbst. Berlin: Suhrkamp 2006.

3. Block: 13. April 2018
Zur Innengeschichte der Technik
Seminarleiter: Franz Oberlehner


Was macht die technische Entwicklung mit uns Menschen, wie könnte man die Situation des menschlichen Subjektes in der Folge der technisch-industriellen Umbrüche der Moderne analysieren. Als allgemeines Prinzip kann man voraussetzen: Wir haben nicht die Wahl, ob und welche Geräte wir benutzen. Unsere Welt ist nun eine Gerätewelt, die Technik unser Schicksal. Unsere Werkzeuge, speziell weltweit vernetzte Computer, formen uns.

Wie und in welchem Ausmaß letzteres vor sich geht soll mit Hilfe einer Untersuchung von Sherry Turkle analysiert werden.

Turkle, Sherry (2011): Verloren unter 100 Freunden: Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern. München: Riemann Verlag.

Sie schreibt von zwei Entwicklungen von „verstörender Symmetrie“, nämlich dass wir uns selbst immer mehr wie Objekte behandeln und zugleich unbelebten Objekten zunehmend menschliche Eigenschaften zu verleihen. Die totale, pausenlose Vernetzung verspricht uns nie da gewesene Kontrolle über unsere Beziehungen. Gleichzeitig bewegen wir uns mit der sich dynamisch entwickelnden sozialen Verwendung von Robotern hin zu der Vorstellung, etwas erschaffen zu haben, das sich für uns interessiert und uns gernhat.

Hintergrundliteratur:
Anders, Günter (1956): Die Antiquiertheit des Menschen.  C.H. Beck. München 1987.
Busch, Hans-Joachim (2001): Subjektivität in der spätmodernen Gesellschaft. Velbrück Wissenschaft.
Oberlehner, Franz (2017): Prothesengott 2.0. In: Forum Psychoanal 33:191-207

4. Block: 27. April 2018
Theorie der emotionalen Finanzwirtschaft
Seminarleiter: Franz Oberlehner


Die klassische psychoanalytische Theorie würdigt vor allem die innige Beziehung des Geldes zum Dreck und damit zur Analerotik. Spätere Beiträge legten Ursprünge des Geldes in Menschopfer und Schuldreligion offen und analysierten seine Entwicklung vom konkreten Gegenstande zum reinen Zeichen, das unkritischen, quasireligiösen Glauben fordert. Die höchst destruktive Dynamik zeitgenössischer Finanzmärkte regte psychoanalytische Untersuchungen an, die in ihrem Begriffsinventar weit über die klassische Theorie hinausgehen.

Eine der wichtigsten davon ist Die verborgenen psychologischen Dimensionen der Finanzmärkte von David Tucket. Anhand von Interviews mit Finanzmanagern, die noch vor Ausbruch der jüngsten Krise geführt wurden, entwickelt er eine Theorie der emotionalen Finanzwirtschaft. Die Begriffe Unsicherheit, unbewusste Phantasien, (ambivalente) Objektbeziehungen, phantastische Objekte, gespaltener/integrierter Zustand, Narrativ und Gruppenempfinden bilden das Zentrum seiner Analyse, mit der er eine Antwort auf ungelöste Fragen zum Verlauf wiederkehrender verheerender Finanzblasen zu geben versucht.

Text: Tuckett, David (2011): Zur Psychologie der Finanzmärkte. Gießen: PSV.

Hintergrundliteratur:
Borneman, Ernest (1977): Psychoanalyse des Geldes. Frankfurt/M: Suhrkamp Verlag.
Haubl, Rolf/Schülein, Johann August (2016): Psychoanalyse und Gesellschaftswissenschaften. Stuttgart: Kohlhammer.

5. Block: 25. Mai 2018
Faschismus- und Populismustheorien
Seminarleiter: Fritz Lackinger


Themen dieser Veranstaltung werden zuerst die Ansätze der ersten Theoretikergeneration der „Kritischen Theorie“ (Adorno, Horkheimer, Marcuse) zum Verständnis der Sozialpsychologie des Faschismus sein. Hierbei wird untersucht, inwieweit die Autoren auf Freuds Konzept der Massenpsychologie zurückgreifen und dieses weiterentwickeln, und wo andere Ansätze einfließen. Es werden Fragen der Vermittlung objektiver und subjektiver Faktoren in der Analyse faschistischer Bewegungen aufgeworfen und die Frage nach der Rolle und der spezifischen Persönlichkeit des „Führers“ diskutiert. Insbesondere werden diese Fragen anhand folgenden Textes reflektiert:

Adorno, Theodor (1951): Die Freud’sche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda

Im weiteren Verlauf wird versucht, einen groben Überblick über aktuelle psychoanalytische Untersuchungen des modernen Rechtspopulismus zu gewinnen. Wie hat sich der Rückbezug auf die Freudsche Analyse der Massenpsyche seit der frühen Rezeption verändert? Welche Aspekte erweisen sich als bleibende Grundlagen sozialpsychologischer Reflexion und wo gibt es Ergänzungsbedarf? Wieder wird ein Text besonders untersucht.

König, Hans-Dieter (2008): George W. Buchs Krieg gegen den Terrorismus als neokonservative Antwort auf den überfälligen Kampf gegen die Klimakatastrophe

Hintergrundliteratur:
Eigen, Michael (2016): Psychopathy in Everyday Life. Psychoanalytic Review.
Horkheimer, Max (1949): Autorität und Familie in der Gegenwart
Modena, Emilio (1998, Hg.): Das Faschismus-Syndrom. Zur Psychoanalyse der Neuen Rechten in Europa. PSV.

6. Block: 8. Juni 2018
Aspekte der psychoanalytischen Sozialpsychologie
Seminarleiter: Fritz Lackinger


In diesen Einheiten wird zunächst die wechselseitige Befruchtung von Psychoanalyse und Gruppentheorie (v.a. anhand der Autoren Bion, Turquet und Kreeger) daraufhin untersucht, was sich daraus für das Verständnis von sozialpsychologischen und politischen Prozessen gewinnen lässt. Als Beispieltext wird verwendet:

Turquet, Pierre (1975): Bedrohung der Identität in der großen Gruppe

In einem zweiten Schritt wird nach dem Beitrag gefragt, die die psychoanalytische Objektbeziehungstheorie unter Berücksichtigung der gruppenanalytischen und sozialpsychologfischen Traditionen zum Verständnis von gesellschaftlich bedingter Gewalt leisten kann. Hierbei wird insbesondere auf die Ansätze von Vamik Volkan und Otto Kernberg eingegangen.

Beispieltext: Kernberg, O. (2000, 2001): Sanktionierte gesellschaftliche Gewalt: eine psychoanalytische Sichtweise.

Hintergrundliteratur:
Busch, Hans-Joachim (2001): Subjektivität in der spätmodernen Gesellschaft. Velbrück Wissenschaft.
Zienerts-Eilits, Karin Johanna (2017): Destruktive Gruppenprozesse. Entwicklungslinien in der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung und Erkenntnisse für gegenwärtige gesellschaftliche Konflikte. Gießen:PSV.