Sigmund-Freud-Vorlesungen 2017

 

Alte und Neue Identitäten

 

Freitag, 5.Mai 2017, 16.00–20.30 Uhr
Samstag, 6.Mai 2017, 9.00–14.30 Uhr

Freitag, 17. November 2017, 16.00–20.30 Uhr
Samstag, 18. November 2017, 9.00–14.30 Uhr


Wie heiße ich? Wer bin ich? Und bin ich heute noch dieselbe wie gestern? Alle drei Fragen richten sich auf meine Identität. Aber während die ersten beiden Fragen vergleichsweise einfach zu beantworten sind, lässt die dritte ein Zögern aufkommen, worin sich etwas von der Rätselhaftigkeit der Identität zeigt (Descombes). Das ging Freud nicht anders. Am 2. Oktober 1910 schreibt er an Ferenczi: “Ihr Brief hat mich gemahnt, daß ich derselbe bin, der in Siracusa Papyrus gepflückt, sich in Neapel mit dem Bahnpersonal herumgerauft und in Rom Antiquitäten eingekauft hat. Die Identität ist wiederhergestellt. Es ist merkwürdig, wie leicht man der Neigung zu Isolierung von Persönlichkeitsbildungen nachgibt.”
Psychoanalytisch sind Notwendigkeit wie Bedrohungen der Identität vielfältig untersucht. Identität wurde als unverzichtbarer Aspekt des Ichs ebenso wie als ein narzisstisches Gebilde beschrieben, das vor allem der Täuschung dient (Lacan). Verschiedene Stadien der psychosozialen Identität (Erikson) wurden entwicklungspsychologisch voneinander unterschieden. Es ist unbestritten, dass soziale Anpassungsleistungen des Individuums mit dem Wunsch nach Unverwechselbarkeit und Wiedererkennbarkeit Hand in Hand gehen.
Aktuell verknüpft die Frage nach der Identität mehrere Themenfelder, darunter Migrations- und Genderdiskurse. Manche meinen: Menschen hätten sich heutzutage von Grenzen verabschiedet. Sie würden gern und gut in flüssigen Identitäten und ohne Abgrenzungen leben. Territoriale Grenzen werden infrage gestellt. Und Grenzen zwischen Geschlechtern werden es auch. Wir wollen uns bei den Sigmund Freud Vorlesungen 2017 nicht nur beide Fragenbereiche aus psychoanalytischer Sicht näher ansehen, sondern vielleicht auch Verknüpfungen zwischen beiden nachgehen, wie sie sich etwa darstellen, wenn einmal ein Mann und einmal eine Frau unter Burka oder Niqab durch eine europäische Großstadt gehen und dabei die unterschiedlichen Reaktionen der Umgebung wahrnehmen (vgl. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28. August 2016) oder wenn lokal geprägte Geschlechterrollen auf Reisen wie im Alltag transkulturell aufeinander prallen.
Flüchtlinge machen aktuell besonders auf den prekären Status von nationalen und kulturellen Identitäten aufmerksam. Dabei zeigt sich, dass Räume und Körper in Bezug auf die Frage der Identität miteinander verflochten sind. Beide sind Träger von Identitäten, die entwickelt, eingefordert, akzeptiert oder abgelehnt werden. Geschlechtliche Identitäten haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur durch die (an manchen Orten bis dato nur geforderte) Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Lebensformen verändert.

 

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