Perversion, Gewalt und Antisozialität

Psychoanalytische Theorie und Technik in prekären Grenzbereichen

Zeit: Februar 2018 bis Juni 2019
Ort: Wiener Psychoanalytische Akademie, Salzgries 16, 1010 Wien

Lehrgangsleitung
Fritz Lackinger, Reingard Cancola, Peter Wuzella, Gerhard Mitterbauer

Idee
Die Psychoanalyse sieht psychische Entwicklung begründet in einer komplexen Verflechtung von Liebe und Hass, von libidinösen und destruktiven Kräften. Während im Kontext gelingender früher Beziehungen eine schrittweise Kontrolle und Milderung zerstörerischer Impulse möglich wird, bleiben diese mächtig und bedrohlich, wenn die frühen Objekte als grausam, unzugänglich oder verlogen erlebt werden. Wenn die Abhängigkeit von anderen beständig zu Gefühlen von Verlassenheit, Missbrauch und Verrat anstatt zu Beruhigung und Sicherheit führt, ist es für das Subjekt unmöglich, Narzissmus und Omnipotenz aufzugeben oder auch nur zu relativieren. In solchen Zuständen werden andere innerpsychische Lösungen gesucht und gefunden: Statt einer Herausbildung von Ambivalenz und Sorge verfestigt sich eine tiefe Spaltung und ein schwer kontrollierbares destruktives Potential. Gewaltbereite Beziehungsmuster können unvermittelt aktiviert werden, Intelligenz und Charme können in den Dienst von Missbrauch und Ausbeutung gestellt und auch die Sexualität kann in ein Mittel der Distanzierung, ja der Demütigung und sogar der Zerstörung verwandelt werden.

In diesem Lehrgang werden klinische Bilder untersucht, die am Rande der therapeutischen Bearbeitbarkeit angesiedelt sind. Wir nehmen Bezug auf die lange Tradition in der Psychoanalyse, auch mit verwahrlosten, delinquenten und sexuell missbräuchlichen Patienten einen analytischen oder analytisch orientierten Prozess zu versuchen. Es werden für diesen Bereich relevante diagnostische Konzepte vorgestellt, entwicklungspsychologische Modelle reflektiert und die Rahmenbedingungen für einen therapeutischen Prozess untersucht. Welche typischen Übertragungsformen treten bei dieser Arbeit auf und mit welchen Gegenübertragungen muss man dabei rechnen? Was sind die Potentiale und was die Grenzen einer solchen Arbeit?

Zielgruppe
Psychotherapeuten & Psychotherapeutinnen (auch i.A.u.S.), die entweder in einschlägigen Institutionen arbeiten oder niedergelassen mit Patient_innen mit perversen und/oder antisozialen Zügen zu tun haben.

Format
Der Lehrgang besteht aus 12 Modulen (á 6 AEn), 4 Module pro Semester, Gesamtdauer: 1½ Jahre. Die Module finden jeweils am Freitag Nachmittag/Abend statt. Jedes Modul besteht aus vier Arbeitseinheiten theoretischer Vermittlung und Diskussion und zwei Arbeitseinheiten Supervision. Die Supervision in wird in zwei kleineren Gruppen geführt (8-12 Teilnehmer_nnen). Jede/r Teilnehmer/in sollte im Laufe des Lehrgangs mindestens einen Fall darstellen und dafür ein Sitzungsprotokoll mitbringen.
In den Modulen 1–3 sowie 8–12 werden die SV-Gruppen parallel im Anschluss an die theoretischen AEn durchgeführt: Die Supervisoren sind in diesen Modulen die Mitglieder der Lehrgangsleitung. In den Modulen 4–7 werden beide SV-Gruppen von den jeweiligen Seminarleitern geführt. Deshalb findet eine SV-Gruppe vor den theoretischen AEn statt und die andere danach.

Zeitplan, jeweils Freitag
14:00–15:30 SV-Gruppe A, nur in den Modulen 4–7
15:45–17:15 Theorieblock 1
17:45–19:15 Theorieblock 2
19:30–21:00 SV-Gruppe B in den Modulen 4–7,
                     bzw. beide SV-Gruppen in den Modulen 1–3 + 8-12

Preis und Anmeldung
Lehrgang mit 12 Modulen
(je 4 Theorieeinheiten plus 2 Supervisionseinheiten in kleineren Gruppen)
€ 1.490,- Anmeldung mittels Anmeldeformular

Folder

Programm


Modul 1: Freitag, 16. Februar 2018
Fritz Lackinger
Wie können wir über Gewalt, Delinquenz und Perversion nachdenken?
Diagnostische Grundfragen bei Delinquenz: Impulsivität, Perversion, Psychopathie

Modul 2: Freitag, 23. März 2018
Reingard Cancola
Übertragung und Gegenübertragung im diagnostischen Prozess bei perversen
und delinquenten Patienten

Modul 3: Freitag, 27. April 2018
Alexander Schwetz
Heiße und kalte Gewalt. Was ist Aggression? Subsymbolische Prozesse und
Stufen der Symbolisierung: Die Rolle des Körpers bei gewalttätigen Delinquenten

Modul 4: Freitag, 29. Juni 2018
Markus Feil
Sexualität und Abwehr: Die Rolle der Sexualisierung in der Psychodynamik von
Neurose, Perversion und Persönlichkeitsstörung. Schweregrade und Formen der
sexuellen Perversionen.

Modul 5: Freitag, 14. September 2018
Tilmann Kluttig
Grenzen, Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen – Sicherheit und Unsicherheit
des therapeutischen Rahmens in der forensischen Psychotherapie.

Modul 6: Freitag, 12. Oktober 2018
Mathias Lohmer
Übertragung und Gegenübertragung in Therapien mit schweren Persönlichkeitsstörungen
im Allgemeinen und mit Dissozialen im Besonderen

Modul 7: Freitag, 30. November 2018
Wolfgang Berner
Fetischismus, Exhibitionismus, sexuelle Belästigung.
Psychodynamik und therapeutische Technik

Modul 8: Freitag, 18. Jänner 2019
Fritz Lackinger
Pädophilie, Inzest und Kinderpornographie.
Perverse Übertragungen und ihr paranoider Kern

Modul 9: Freitag, 8. März 2019
Andrea Knapp-Lackinger und Katharina Leithner-Dzubias
Weibliche Perversion. Perverse Manipulation am weiblichen Körper,
seinen vitalen und reproduktiven Funktionen sowie perverse Mutterschaft

Modul 10: Freitag, 26. April 2019
Christof Zedrosser
Perversion und Sucht; süchtige Phantasie und süchtige Beziehung;
Funktionen des Konsums.Lebenswelten: Rausch und Kriminalität.

Modul 11: Freitag, 24. Mai 2019
Gerhard Mitterbauer
Typologie und Psychodynamik von Tätern mit sexuellen Gewaltdelikten.
Die psychopathische Übertragung und wie wir damit umgehen können.
Die Übertragungsbedeutung von Körpergewalt

Modul 12: Freitag, 28. Juni 2019
Peter Wuzella
Psychose und Gewalt. Von der Grenzüberschreitung zum psychotischen Delikt.
Zusätzlich Abschluss des ganzen Lehrganges